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Interview

Ist Altern vermeidbar?

Dr. Annette Baudisch im Gespräch mit AcademiaNet

24. 4. 2012 | Die Biologin und Mathematikerin Dr. Annette Baudisch vergleicht die Sterberaten unterschiedlicher Tierarten. Ihre Ergebnisse stellen die klassischen Theorien des Alterns auf den Kopf, denn manche Spezies altern über ihre Lebenszeit statistisch betrachtet gar nicht. Dr. Baudisch ist Leiterin der Forschungsgruppe "Modellentwicklung zur Evolution des Alterns" am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock.

AcademiaNet: Frau Dr. Baudisch, Ihre Arbeit hat die Theorie des Alterns auf den Kopf gestellt. Inwiefern waren die alten Theorien unvollständig, was können Ihre Theorien leisten?


Dr. Annette Baudisch
Dr. Annette Baudisch: Die klassischen Theorien des Alterns postulieren, dass sich das Altern unausweichlich im Laufe der Evolution entwickelt hat, und zwar für alle Spezies, die sich wiederholt fortpflanzen können. Meine Arbeit hingegen zeigt, dass es Umstände gibt, unter denen Organismen überhaupt nicht altern. Um einem Missverständnis vorzubeugen: Nicht zu altern heißt nicht, dem Tod zu entrinnen. Jeder lebende Organismus wird irgendwann sterben. Das Sterberisiko kann in jedem Lebensalter hoch sein, dann ist das Leben kurz, oder es kann in jedem Alter gering sein, dann ist das Leben länger. Man kann auch sagen: Die Sterberaten bestimmen das Tempo des jeweiligen Lebens.

Der Alterungsprozess hingegen ist gekennzeichnet durch Veränderungen im Laufe des Lebens, und zwar durch eine nachteilige Entwicklung, die zu einem steigenden Sterberisiko mit zunehmendem Alter führt. Mit meinen Modellen kann ich zeigen, dass die Veränderung der Sterberaten mit zunehmendem Lebensalter grundsätzlich verschiedene Richtungen nehmen kann. Je nach Rahmenbedingungen resultieren aus meinen Modellen ansteigende, konstant bleibende oder auch abnehmende Sterberaten über die Lebensdauer hinweg – diese Ergebnisse widersprechen aber allen gängigen Theorien des Alterns.

Könnten Sie ein paar Beispiele nennen, wie Ihre neue Theorie des Alterns plötzlich Fakten und Muster erkennen lässt, die bislang übersehen wurden?

Die von mir eingeführte Differenzierung beim Altern in das "Tempo" und die "Form" des Alterns zeigt zum Beispiel, dass das kurzlebige Rotkehlchen zwar kaum altert, aber sein Leben in einem schnellen Tempo lebt, während wir langlebige Menschen eine steil ansteigende Alterungskurve haben, wir altern also sehr stark gemessen anhand der markant zunehmenden Sterberate im Laufe des Lebens, aber wir altern mit einem viel langsameren Tempo. Früher meinte man: Ein langes Leben bedeutet automatisch eine geringe Alterungsrate. Aber diese Annahme ist zu vereinfacht gedacht, denn sie verwechselt das Tempo mit der Form des Alterns.

Aktuell wäre es besonders interessant, Spezies zu untersuchen, deren Leben in einem schnellen Tempo verläuft, die aber eine "negative" Form aufweisen, damit meine ich eine sinkende Sterberate über die Lebensdauer. Durch das schnelle Tempo hätten diese Arten eine kurze Lebenszeit und ließen sich daher leicht beobachten, zum Beispiel im Zeitrahmen einer Promotion. Gleichzeitig könnten sie uns zeigen, wie sie es schaffen, dem Alterungsprozess zu entgehen. Denn das Altern kann man meiner Ansicht nach nur verstehen, wenn man herausfindet, warum manche Spezies kaum altern. Beispielsweise der Süßwasserpolyp Hydra scheint sich über sein ganzes Leben hinweg gleich bleibender guter Kondition zu erfreuen. Die klassischen Labortiere wie Fliegen, Würmer oder Mäuse altern hingegen erheblich.

(© MPIDR / Björn Schwentker )


Forschungsgruppe von Dr. Annette Baudisch

Woran arbeiten Sie und Ihre Forschungsgruppe gerade, was ist Ihr Ziel: eine umfassende Theorie der Alterungsmuster und Lebensstrategien? Wenn ja, wie lässt sich diese Theorie testen?

Bevor wir überhaupt an eine allgemeine Theorie denken können, brauchen wir zunächst einen umfassenden Überblick über die Alterungsmuster, die mit Hilfe solch einer Theorie erklärt werden sollen. Zurzeit erstellen wir umfangreiche Datenbanken für die Geburten- und Sterbezahlen vieler Spezies. Kürzlich haben wir das Softwarepaket BaSTA veröffentlicht, mit dessen Hilfe man Alterungsmuster aus recht löchrigen Datensätzen erhalten kann. Parallel dazu nehmen wir aktuelle Theorien unter die Lupe, um zu entscheiden, an welcher Stelle diese Theorien ergänzt werden können und an welcher Stelle sie umgeschrieben werden müssen. Wir werden unsere Modelle anhand der Muster erstellen und testen, die wir aus unseren Daten herausarbeiten. Bei der Mustererfassung aus den Daten werden die Parameter Tempo und Form der Alterung mit Sicherheit eine wichtige Rolle spielen.

Sie sind selbst eine junge Biologin und Mathematikerin: Woher stammt Ihr Interesse an Alterungsmustern?

Ich habe mich immer von meiner Neugier leiten lassen und Themen verfolgt, die mich interessierten. Es gibt jedoch ein Schlüsselerlebnis, das mich auf dieses Thema brachte, über das ich auch promoviert habe. In einem Vortrag von James W. Vaupel, Direktor an dem Max-Planck-Institut an dem ich forsche, hörte ich, dass Fruchtfliegen ganz unterschiedliche Alterungsmuster aufweisen, je nachdem, womit sie ernährt wurden. Dieses Ergebnis legt nahe, dass Altern ein enorm flexibler Prozess ist und nicht ein schmaler, vorprogrammierter Pfad in Richtung Tod.

Frau Dr. Baudisch, vielen Dank für dieses Gespräch.

Das Interview führte Susanne Dambeck   (© AcademiaNet)
 
 

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