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Interview

Zeitreise ins viktorianische England

AcademiaNet im Gespräch mit der Literaturwissenschaftlerin Alice Jenkins

12. 2. 2013 | Wie haben sich die naturwissenschaftliche Forschung und die Literatur des 19. Jahrhunderts gegenseitig beeinflusst? Dieser Frage geht die Professorin Alice Jenkins seit Jahren nach, mit teils überraschenden Ergebnissen.

AcademiaNet: Woher stammt eigentlich Ihr Interesse an viktorianischer Literatur?


Alice Jenkins
Alice Jenkins: Meinen ersten Abschluss im Fach Englisch habe ich am Churchill College in Cambridge gemacht, dort sind siebzig Prozent der Studierenden für Naturwissenschaften oder Technik eingeschrieben. Also habe ich viel Zeit mit meinen Kommilitonen verbracht, viel über ihre Arbeit gelernt sowie über ihre Fragestellungen. Für mich war es sehr anregend, zu erleben, wie sie ihre Forschungsfragen formulieren. Diese Umgebung führte letztlich dazu, dass ich meine Doktorarbeit zwar über viktorianische Literatur schrieb, aber unter der besonderen Berücksichtigung der Physik jener Zeit.

Ihre Arbeit behandelt auch die frühen Anfänge einer Art "Wissensgesellschaft" im 19. Jahrhundert. Wie würden Sie die damalige Entwicklung beschreiben?

Wirklich faszinierend an dieser Zeit ist, dass es sich um die Anfänge der Massen-Alphabetisierung handelt. Das wiederum fällt zeitlich zusammen mit den ersten dampfbetriebenen Druckmaschinen. Es gab also eine vermehrte Nachfrage nach gedruckten Werken und gleichzeitig neue Techniken, die mehr Gedrucktes liefern konnten. Das bedeutete, dass sich die Rolle des Wissens in der Gesellschaft komplett wandelte: Es ging nicht mehr in erster Linie darum, dass eine Elite mit einer anderen Elite kommunizierte. Plötzlich gehörte eine ganz neue Leserschaft dazu, die ihre eigenen Vorlieben und Fragen hatte, die sie öffentlich diskutiert haben wollte. Wenn Sie so wollen, war das ein ganz frühes Massenphänomen in der Geschichte der Wissensgesellschaft.

Wie passten im 19. Jahrhundert Forschung und Literatur zusammen?

Die Forscher der damaligen Zeit waren alle sehr belesen. Ich habe beispielsweise untersucht, wie Michael Faraday die Literatur, die er las, dazu nutzte um seinen eigenen Schreibstil zu verbessern – dadurch versuchte er zu kompensieren, dass er nur wenig Schulbildung genossen hatte. Also passte er seinen eigenen Schreibstil ganz bewusst seinen Lieblingsautoren an, alles Essayisten des 18. Jahrhunderts wie Steele, Addison oder Johnson. Er hoffte, durch diesen veränderten Stil ein wissenschaftlicher Autor zu werden, dessen Forschung ernst genommen würde.

Doch diese Wechselwirkungen gab es natürlich auch in umgekehrter Richtung: Literarische Autoren des 19. Jahrhunderts verfolgten sehr genau den wissenschaftlichen Fortschritt, teils mit Hilfe eher populärer Darstellungen, teils auf hohem Niveau. Für das zweihundertjährige Dickens-Jubiläum wurde ich letztes Jahr gebeten, einen Nature-Artikel zu verfassen über das Thema, wie Dickens wissenschaftliche Themen bearbeitete. Dickens konnte förmlich ins Schwärmen geraten über die Fähigkeit der Wissenschaft, die Fantasie der Menschen anzuregen und uns zu erlauben, die Welt mit ganz neuen Augen zu sehen – damit meinte er auch einen magischen oder verzauberten Blick auf die Welt. Gleichzeitig war er skeptisch gegenüber Personen, die versuchten, durch eine strenge Anwendung wissenschaftlicher Ergebnisse die Fantasie der Menschen zu begrenzen oder die Bandbreite ihrer Gefühle einzuschränken.
(© Oliver Byrne)


Die Euklidische Geometrie | in einem Buch von Oliver Byrne, ein Mathematiker und Ingenieur des 19. Jahrhunderts: "The First Six Books of the Elements of Euclid", London, 1847

Hat das wissenschaftliche Interesse der Menschen damals denn auch ihr Leseverhalten und ihren Schreibstil verändert?

Auf jeden Fall! Ein Beispiel, das mich gerade beschäftigt, ist die Euklidische Geometrie. Eine gründliche Ausbildung in Euklidischer Geometrie war damals ein wichtiger Pfeiler der höheren Bildung, und zwar nicht nur für junge Männer, sondern zunehmend auch für Frauen, für Arbeiter oder für die Bewohner der Kolonien. Im viktorianischen Zeitalter hatte die Euklidische Geometrie einen Sonderstatus unter allen Wissensgebieten: Sie galt als absolut gesichertes Wissen. Keine andere Form des Wissens konnte dieses Maß an Sicherheit, Zuverlässigkeit oder Absolutheit bieten, außer vielleicht die Theologie. Sie stieg sozusagen zur Königsdisziplin des 19. Jahrhunderts auf.


Eine Säule der Weisheit
Zurzeit arbeite ich an der Kulturgeschichte der Euklidischen Geometrie, gefördert vom Europäischen Forschungsrat ERC. In diesem Buch diskutiere ich die Frage, wie ein gemeinsames Lernerlebnis, nämlich das Erlernen von Geometrie und die weit verbreitete Kenntnis von geometrischem Wissen die Literatur und Kultur dieser Zeit beeinflusste. Eines meiner Ergebnisse ist: Euklid-Zitate, Bezüge oder Anspielungen reichen weit über das Feld der Mathematik hinaus. Man findet diese Bezüge in politischen Texten, in Predigten, in Gedichten und in journalistischen Texten, kurz: Man findet sie in allen Genres der viktorianischen Literatur, egal ob man in der allgemeinverständlichen Literatur oder in Fachtexten sucht. Es scheint, als würde die Geometrie als eine Art "Brille" verwendet, durch die sowohl die Leser als auch die Schreiber versuchten, in der Realität der sich rasch verändernden Welt der Industrialisierung einen Rest an Sicherheit und Allgemeingültigkeit zu finden.

Wie kommunizieren Sie mit anderen Forschern, die an ähnlichen Themen arbeiten?

Meine liebste Kommunikationsplattform ist die British Society for Literature and Science, die ich 2005 mit gegründet habe. Seitdem ist diese Plattform um einiges gewachsen und hat sich zu einem wichtigen Forschungsforum entwickelt. Besondere Bedeutung hat es für Wissenschaftler, die sich mit der Beziehung von Literatur und Naturwissenschaft im 19. Jahrhundert befassen, genauer gesagt: Forschende, die Wissenschaftsgeschichte und Literaturrezeption dieser Zeit verbinden möchten. Die BSLS hat eine Jahreskonferenz, einen Newsletter, einen Buchpreis und eine Online-Bewertungsseite für Texte. Außerdem betreiben wir in kleinem Umfang Forschungsförderung. Wir möchten unsere Fachkenntnis und Unterstützung allen Forschenden zukommen lassen, die auf der ganzen Welt zu ähnlichen Themen arbeiten.

Woran werden Sie arbeiten, wenn Ihr Buch über die Euklidische Geometrie fertig ist?

Dieses Buch gehört zu einer dreibändigen Reihe über viktorianische Denkweisen. Das erste Buch handelt von der "Einheit des Wissens" in diesem Zeitalter. Die Menschen damals hatten die Vorstellung, dass alles Wissen früher oder später zu einer Einheit zusammengeführt werden würde, sei es in einer einzigen Formel, sei es in einer Zusammenstellung allgemeingültiger Gesetze. In meinem Buch diskutiere ich, wie diese Einheits-Vorstellung den viktorianischen Forschern half, mit dem neuen Problem der Informationsflut fertig zu werden. Gleichzeitig half diese Vorstellung dabei, neuen Erkenntnissen den Weg zu einer praktischen Anwendung zu ebnen. Das zweite Buch beschäftigt sich, wie gesagt, mit der Euklidischen Geometrie. Mein drittes Buch wird sich mit induktiven Schlussfolgerungen auseinander setzen, denn wir wissen eine Menge darüber, was die Menschen im viktorianischen Zeitalter dachten, über eine ganze Bandbreite von Themen. Aber wir wissen noch recht wenig darüber, wie sie dachten, welcher Instrumente sie sich auf dem Weg zu neuen Erkenntnissen bedienten.

Frau Prof. Jenkins, wir bedanken uns für dieses interessante Gespräch.

Das Gespräch führte Helen Jaques.
Deutsche Version von Susanne Dambeck.   (© AcademiaNet)
 
 

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