Interview

Die vergessene Blütezeit des Sahel

AcademiaNet im Gespräch mit Anne Haour, Lektorin für Afrikanische Archäologie und Kunstgeschichte

30. 9. 2013 | Dr. Anne Haours Ausgrabungen in Westafrika werfen ein neues Licht auf die Blütezeit dieser Region – und bilden die Grundlage für interkulturelle Projekte mit Jugendlichen.
AcademiaNet: Schon Ihr Bachelor-Abschluss galt dem Thema Archäologie. Was hat Sie von Anfang an an der Archäologie gereizt?

Dr. Anne Haour
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Dr. Anne Haour
Dr. Anne Haour: Meine Eltern behaupten gerne, ich hätte schon als Kleinkind am liebsten Dinge aus der Erde gegraben! Aber daran kann ich mich nicht erinnern. Meinen Bachelor machte ich ja in "Archäologie und Anthropologie", und eigentlich dachte ich, dass ich mich stärker auf Anthropologie konzentrieren würde. Doch im Verlauf der drei Studienjahre stellte ich fest: Mir gefiel der konkrete Charme der Archäologie besser – am Ende einer Ausgrabung habe ich schließlich reale Artefakte in der Hand, die ich anfassen und untersuchen kann.

In Ihrer aktuellen Forschungsarbeit an der University of East Anglia konzentrieren Sie sich hauptsächlich auf Ausgrabungen in der Sahelzone in Westafrika. Was macht diese Region für Sie so interessant?

Zunächst einmal fasziniert mich diese Region, weil dort unglaublich viel auszugraben ist. Ich bin 1997 das erste Mal durch Westafrika gereist und fand überall konkrete, fassbare Zeugen der Vergangenheit. Dabei handelt es sich jedoch nicht um große Pyramiden oder lange Mauern, sondern zum Beispiel um Keramikscherben. Viele dieser Gegenden sind heute nur dünn besiedelt, dadurch entsteht die Möglichkeit, diese Artefakte gründlich und aus großer Tiefe auszugraben – das können Sie in einem Land wie im dicht besiedelten Großbritannien nicht machen.

Zudem ist diese Gegend zu Unrecht lange vernachlässigt worden. Im Mittelalter waren das sehr wichtige Regionen, aber darüber wird heute praktisch nichts mehr geschrieben. Die Sahelzone gilt als politisch und ökonomisch randständig, aber vor 500 bis 600 Jahren sah das völlig anders aus. Heute hören wir kaum etwas über den Sahel, es sei denn im Zusammenhang mit Kriegen, Hungersnöten oder Naturkatastrophen.

Welche Bedeutung hatte die Sahelzone im Mittelalter? Warum sind Menschen aus verschiedenen Weltregionen dorthin gereist?

Die schwarze Umrandung
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(© Nadia Khalaf, Sainsbury Research Unit)


Die schwarze Umrandung | beschreibt die Region im Norden Benins am Fluss Niger, in der Dr. Haour gräbt und forscht.
Die Menschen in dieser Gegend trieben einen regen Handel quer durch die Sahara, später auch mit europäischen Händlern und Richtung Atlantik. Man muss sich die einzelnen Staatengebilde oder Königreiche als riesiges Netz aus Handelsbeziehungen vorstellen. Insbesondere die Europäer waren ganz verrückt nach Gold, aber es wurden auch Menschen als Sklaven gehandelt. Weitere begehrte Handelsgüter waren Straußenfedern, Pferde, Bücher, verarbeitetes Metall, Salz und Kolanüsse.

Später wurde die Region in der islamischen Welt für ihre Universitäten und ihre Islamgelehrten berühmt. In Timbuktu in Mali gab es eine weltbekannte Universität, und viele Gelehrte reisten durch ganz Nordafrika, um ihr Wissen auszutauschen. Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die Pilgerreisen: Es gab eigene Gebäude für Pilger auf dem Weg nach Mekka. Es herrschte damals ein sehr aktiver intellektueller Austausch, von dem heute kaum noch etwas bekannt ist – es ging also nicht nur um Handel.

Zurzeit leiten Sie Ausgrabungen in Benin, die vom Europäischen Forschungsrat ERC gefördert werden. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann handelt es sich um ehemalige Grenzregionen zwischen alten Herrschaftsgebieten. Warum sind genau diese Grenzen so interessant?

Wenn man mal ehrlich ist: Diese alten Grenzlinien werden von Historikern häufig einfach auf Landkarten eingetragen, ohne dass es dafür allzu viele Beweise gibt. Aus der Geschichtsschreibung haben wir zwar vage Informationen, dass es früher diverse politische Akteure in dieser Gegend gab. Jetzt versuche ich, die Grenzen zwischen den Einflusssphären dieser Akteure mit Hilfe der Archäologie wirklich dingfest zu machen. Die dahinter liegende Frage lautet natürlich: Beeinflusst das Leben unter einem bestimmten Herrscher, in einem bestimmten politischen System, die Bauweise der Häuser, die Formgebung der Keramik oder die Essgewohnheiten? Schließlich geht es immer um Wissen, Fertigkeiten und den Austausch darüber. Die Menschen verwenden unterschiedliche Verfahren, weil sie vorher verschiedenen Einflüssen ausgesetzt waren.

Unsere Arbeit in Benin sieht im Moment sehr vielversprechend aus, denn wir finden in einem Zeitraum vor ungefähr tausend Jahren sehr große Unterschiede in der Sachkultur. An jedem Ort sehen die Keramiken deutlich anders aus – diese aktuelle Arbeit ist gerade sehr faszinierend.
Dr. Haour bei der Ausgrabung Tin Tin Kanza in Benin
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(© Louis Champion, Université Paul-Valéry Montpellier)


Dr. Haour bei der Ausgrabung Tin Tin Kanza in Benin | mit einer Kollegin und einem Studenten der Université Abomey Calavi, Benin.

Was meinen Sie: Welche Lehren kann man aus Ihren Ergebnissen über das mittelalterliche Westafrika auf die heutige Zeit übertragen?

Zunächst lehren uns diese Forschungsergebnisse, wie schnell sich das Glück wenden kann: Regionen, die früher wirtschaftlich und kulturell sehr wichtig waren, befinden sich jetzt im Abseits. Außerdem lernen wir durch den Blick in die Vergangenheit eine Menge darüber, wie wir uns in der Gegenwart verhalten sollten und unter welchem Blickwinkel es Sinn macht, in die Zukunft zu blicken. Das ist zwar ein Klischee, zu sagen, dass die Vergangenheit uns etwas über die Zukunft lehrt – aber der Satz ist deshalb nicht falsch.

Ein Beispiel wäre der religiöse Wandel, hier also die Übernahme einer neuen Religion. Es ist sehr interessant, wie das Volk der Hausa in Niger und Nigeria den Islam angenommen hat. Es gibt keine Hinweise auf eine gewaltsame Missionierung. Das Ergebnis war eine Kombination aus traditionellen Glaubenssätzen und islamischen Elementen, eine Mischung, die den Vertretern der "reinen Lehre" des Islam damals überhaupt nicht gefiel. Trotzdem findet man ein solches Zusammenleben verschiedener Glaubenssätze quasi unter einem Dach sehr häufig. Ich denke, gerade für die heutige Zeit ist das eine wichtige Lehre.

Ein anderer Aspekt ist, durch diese Forschung mehr internationale Aufmerksamkeit für Afrika und seine Geschichte zu erreichen. Und schließlich ist diese Forschung für die Menschen vor Ort immens wichtig: Sie sind meist extrem interessiert an unserer Arbeit und unseren Ergebnissen. Normalerweise haben sie den Eindruck, dass niemand ihnen zuhört und sich keiner für ihre Gegend interessiert. Gerade die Studenten dort sind sehr wissbegierig, aber leider bieten die einheimischen Universitäten zu wenige Praktika und Arbeiten im Feld an.
Unterwegs von Cotonou
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(© Louis Champion, Université Paul-Valéry Montpellier)


Unterwegs von Cotonou | zu einer abgelegenen Ausgrabungsstätte. Cotonou ist die größte Stadt und das Verwaltungszentrum Benins.

Führen Sie auch Outreach-Maßnahmen durch, um die Ergebnisse Ihrer Arbeit bekannter zu machen?

Ja, wir haben zum Beispiel ein Projekt mit Schulkindern aus Norwich hier in Norfolk und aus Zinder in Niger entwickelt. Das Thema dieses Projekts war eigentlich die Hausa, aber wir wollten den Fokus verbreitern, also wurde das Projektthema schließlich "Identitäten". Die Kinder wurden angeregt, darüber nachzudenken, was es bedeutet, wenn man Englänger, Waliser oder Ire ist – und sie machten sich Gedanken über das Hausa-Sein: Wie mag sich ein Hausa selbst definieren? Diese Debatte führte die Kinder zu interessanten Erkenntnissen: Wie stark fühlen sie sich in ihrem Leben als Teenager von bestimmten äußerlichen Stereotypen geprägt? Spielt Religion eine Rolle in ihrem Leben oder eher nicht?

Als nächstes haben wir wöchentliche Skype-Gespräche mit den Kindern in Afrika organisiert. Davor sollten sich die britischen Kinder Gedanken machen über ihre Vorstellungen vom Leben in Westafrika. Der Kontakt über Skype war sehr wertvoll, denn dadurch erkannten die britischen Kinder: Die afrikanischen Kinder sind uns verdammt ähnlich! Sie mögen Fussball, sie spielen gerne auf ihrer Xbox, sie besitzen Haustiere, und so weiter.

Ich glaube, aus dem Projekt nahmen die Kinder schließlich mit, dass es sehr viele verschiedene Blickwinkel gibt, aus denen man dasselbe Thema betrachten kann – jeder nähert sich solchen Themen aus einer etwas anderen Richtung. Sie haben auch gelernt, dass man manchmal Personen vorschnell einschätzt oder in eine Schublade packt. Meiner Meinung nach ist das eine wichtige Lehre in Bezug auf religiöse und ethnische Toleranz: Die Bereitschaft, den anderen kennen zu lernen und nicht zu meinen, ihn aufgrund von stereotypen Annahmen vorher schon zu kennen. Ich finde, dass die Geistes- und Kulturwissenschaften einen großen Beitrag zur interkulturellen Toleranz leisten können.

Liebe Dr. Haour, vielen Dank für dieses sehr interessante Gespräch!

Das Gespräch führte Helen Jaques.
Deutsche Fassung: Susanne Dambeck   (© AcademiaNet)

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