Für Gott und falsche Versprechungen in die Unterdrückung

AcademiaNet Interview mit Susanne Schröter

27. 3. 2017 | In jüngster Zeit schließen sich vermehrt junge Frauen dem radikalen Islam an und reisen nach Syrien aus, um den sogenannten Islamischen Staat (IS), zu unterstützen. Aus einer in unseren Augen freiheitlichen Welt gehen sie freiwillig in ein System der totalen Überwachung und Unterdrückung. Prof. Susanne Schröter befasst sich mit den Motiven der jungen Frauen und untersucht, was sie vor Ort erwarten wird.
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(© AdobeStock / fototrips)


Junge Frau mit Smartphone

AcademiaNet: Frau Prof. Schröter, warum reisen seit einiger Zeit verstärkt Frauen nach Syrien aus?


Prof. Schröter: Der IS hatte ein massives Frauenproblem. Deshalb haben sie spätestens ab 2014/2015 angefangen, massiv Werbestrategie für junge Frauen zu fahren. Durchaus erfolgreich. Der Anteil an jungen Frauen ist in kurzer Zeit auf über 20% gestiegen. In Frankreich sogar auf 30%.


Ein Frauenproblem?


Der IS hat viele Ausländer mit der Versprechung angelockt „Wer nach Syrien geht, der kriegt bis zu vier Frauen“. Die bittere Realität aber war, dass es für viele keine Frauen gab. Klassischen arabischen Heiraten gehen meist lange Verhandlungen und finanzielle und materielle Transaktionen voraus. Oft wird auch nur unter befreundeten Familien geheiratet. Den Auslandskämpfern konnte man keine Frauen bieten. Daher hat man deshalb gewissermaßen aus einem Frauenmangel heraus rekrutiert.


Läuft die Rekrutierung der Frauen und Männer gleich ab?


Männer werden vorwiegend offline rekrutiert. Die Lies-Kampagne war zum Beispiel ein wichtiges Rekrutierungsinstrument. 
Bei Mädchen geht das nicht, weil sie dem salafistischen Weltbild nach nicht in die Öffentlichkeit gehören. Ihre Rekrutierung fand eher online oder in Moscheen über Korangruppen statt. Da konnten Frauen dann tatsächlich direkt angesprochen werden. Ganz stark wurde über verschiedene Internetplattformen rekrutiert, auf denen man sich melden konnte.


Was für Internetplattformen sind das?


Das sind Portale wie Facebook, Twitter oder Instagram. Es reicht schon, dass man etwas anklickt, liked oder kommentiert. 
Diese Portale wurden zum Beispiel auch genutzt, um Bilder wie die romantischen Dschihadgeschichten von Frauen und Männern in Syrien zu posten. Oder man hat ganze Tagebücher darüber gepostet, wie schön das Leben als Frau eines Mudschaheddins sei. Eine erfolgreiche Werbestrategie waren auch die Katzenbilder 2015, also bewaffnete Männer mit Katzen. Das hat viele junge Mädchen zu wahren Begeisterungsstürmen verleitet.


Sie sprechen von romantischen Dschihadgeschichten. Gehen junge Mädchen vor allem mit der Hoffnung auf Liebe freiwillig in ein System der totalen Unterdrückung?


Man muss da differenzieren. Es gibt Mädchen und junge Frauen, für die sieht der IS tatsächlich erst einmal wie eine Befreiung aus. Sie kommen aus patriarchalischen Familien, in denen die Brüder alles dürfen und sie meist nicht viel. Sie müssen zum Beispiel nach der Schule direkt nach Hause und haben kaum Freiheiten. 
Schließen sich diese Mädchen salafistischen Gruppen an, erweitern sie ihren Handlungsspielraum. Sie dürfen das Haus verlassen, um zur Moschee zu gehen, zu Koranlesekreisen und Studiengruppen. Niemand hat etwas dagegen, wenn ein Mädchen religiöser wird.


In den salafistischen Organisationen stellen sie fest, dass für Jungen (annähernd) die gleichen strengen Regeln gelten. Sie sollen ein genauso frommes Leben führen wie die Mädchen. Auf eine gewisse Weise wird so Gleichheit hergestellt. Ich glaube, gerade das ist für die Mädchen attraktiv, weil sie natürlicherweise nach einer Form suchen, sich zu emanzipieren, ohne mit der Herkunftsfamilie in Konflikt zu geraten.


Aber deshalb reist man doch noch nicht gleich aus, oder?


Die Mädchen, die wirklich ausreisen wollen, sind natürlich das Extrem. Die meisten bleiben hier in ihren Zirkeln. Aber stellen Sie sich das einmal vor: Ein junges Mädchen, das in seinem ganzen Leben nicht viel alleine gemacht hat und immer unter der Kontrolle der Eltern oder der Brüder stand, plant plötzlich die Ausreise in ein Bürgerkriegsgebiet, um dort einen Kämpfer zu heiraten. Mehr Abenteuer geht nicht. Die Mädchen sind quasi mittendrin in ihrer eigenen Abenteuergeschichte, in der sie vermeintlich auch noch bestimmen, wo es lang geht.


Ein selbstbestimmtes Abenteuer?


Dass es kein selbstbestimmtes Abenteuer ist, erfahren die Mädchen vermutlich erst sehr spät, wenn sie in Syrien sind. Dort ist es für die Männer schon nicht freiheitlich. Aber für die Mädchen ist es noch schlimmer.


Mittlerweile müssten aber doch alle wissen, dass der IS keine romantische Welt ist, oder?


Diese Mädchen können keinen wirklichen Reality-Check machen. Alle Geschichten im Internet arbeiten mit der Legende vom Traumprinzen und dem wunderbaren und religiösen Leben. Aus der wirklichen Welt in Syrien bekommen sie wenig Rückmeldung.


Sie sprachen davon, dass man differenzieren müsste zwischen Mädchen, für die der IS erst einmal für mehr Freiheit steht. Was ist die zweite Gruppe?


Viele, sowohl Männer als auch Frauen, reisen auch aus Gründen der Religiosität aus. Man möchte nach den Grundsätzen des Islam leben, weil man daran glaubt, dass dieses Leben nur ein Durchgangsstadium zum ewigen Leben ist. Wenn man Glück hat, und genügend „Punkte“ hier gesammelt hat, wird das nächste Leben das ewige Leben im Paradies sein. Das aber geht nur in einem Kalifat.


Gibt es noch mehr Gründe?


Gewaltbereitschaft spielt auch eine Rolle. Junge, emanzipierte Frauen wollen nicht nur zu Hause sitzen und ihre Kämpfer mit Apfelkuchen versorgen. Zu Beginn war die weibliche Kämpferrolle weder gewünscht noch möglich. Aber im Moment, wahrscheinlich wegen der miserablen militärischen Situation, sieht man tatsächlich viele Frauen bei militärischen Trainings.


Eine mindestens genauso große Rolle für die Ausreise spielt aber auch die Opfererzählung von unterdrückten und abgeschlachteten Muslimen auf der ganzen Welt. In umfangreicher Propaganda, nicht erst seit den Zeiten des IS, werden Bilder und Videoproduktionen von erschlagenen und vergewaltigten Frauen und Kindern gezeigt. Verantwortlich gemacht werden dafür der Westen und die Juden. Nach Meinung dieser Menschen schweigt die Presse.


Es ist eine Kritik an der westlichen Außen- und Innenpolitik, zum Teil auch gerechtfertigt. Der Irakkrieg zum Beispiel wurde unter falschen Voraussetzungen geführt. In der Presse hat man das Gerücht lanciert, der Irak würde Giftgas produzieren. In Wirklichkeit wollte man jedoch nur einen Regime-Change. Das hat die ganze Region destabilisiert und – was eigentlich für uns alle noch viel bedeutender sein müsste – es sind tausende Iraker dabei gestorben, in einem Krieg, der illegitim war und für den niemand zur Rechenschaft gezogen wurde.


Es erstaunt mich nicht, dass Muslime da zu der Meinung kommen können, dass der Westen auf einem Kriegszug gegen den Islam unterwegs ist und die gesamte jüngere Geschichte verdreht. Sie fordern eine muslimische Gegenerzählung, die angeblich die Wahrheit darstellt.


Ist die Ausreise quasi auch eine Forderung nach Gerechtigkeit für die jüngere Geschichte?


In gewisser Weise. Junge Leute sind für Gerechtigkeitsfragen besonders ansprechbar. Sie fühlen sich regelrecht aufgerufen, endlich dafür zu sorgen, dass diese Ungerechtigkeit ein Ende hat. Zu Beginn der Mobilisierung 2013, 2014 und auch noch bis 2015 war die Opfergeschichte einer der Hauptgründe. Erst nachdem der IS anfing, mit unglaublich grausamen Videos an die Öffentlichkeit zu gehen, änderte sich das, denn ab dann wäre es heuchlerisch zu behaupten, man gehe für den Kampf für Gerechtigkeit nach Syrien.


Der IS beruft sich immer auf den Koran, geht aber unglaublich brutal vor. Kann man daraus schließen, dass der Koran brutaler ist als die Bibel?


Das Judentum, das Christentum und der Islam haben alle die gleichen Wurzeln. In Bezug auf gewaltlegitimierende Textstellen wird man da überall fündig. Das ist also keine Besonderheit des Islams.


Was unterscheidet den Koran dann von Bibel und Thora?


Die einzige Besonderheit - und die ist für viele in der Tat auch problematisch - ist, dass der Koran als das wortwörtliche Wort Gottes gilt. Also nicht als von Menschen geschrieben, sondern direkt von Gott über seinen Engel Gabriel diktiert. Da tun sich die Muslime zum Teil schwer, bestimmte Verse, vor allem die gewaltlegitimierenden Verse, einfach auszulassen und zu sagen, die gelten heute nicht mehr.
Bei Bibel und Thora kann man das problemlos machen und die Verse geschichtlich einordnen.
Diese Texte sind in dem Sinne nicht heilig und entsprechen teilweise auch nicht mehr dem Geist des Christentums oder des Judentums, wie wir es heute sehen.


Im Islam gibt es auch Theologen, die sagen, es gebe Verse, in denen Gott zu Mohammed gesprochen hat, in denen er ihm geholfen hat, bestimmte, zeitspezifische und zum Teil persönliche Probleme zu lösen. Ein Teil der Muslime – ich würde sie als progressive oder humanistisch-liberale bezeichnen - sagen: Diese Verse lassen wir außer Acht, denn wir leben nicht mehr im 7. Jahrhundert oder in Arabien. Andere Verse drücken eine sozusagen universelle islamische Ethik aus. Diese, so die selben Muslime, gelten für immer.


Diese progressiven Muslime stehen im deutlichen Gegensatz zu den Salafisten oder Islamisten, denn sie gehen mit dem Text in ähnlicher Weise um wie das christliche oder jüdische Theologen machen: Sie nehmen eine Deutung vor, die nicht einfach nur an den Buchstaben klebt, sondern die den Kontext der Entstehung dieser Texte mit einbezieht und auch den historischen Kontext dieser Texte.


Das ist eine sehr liberale, und vielleicht auch moderne Sicht auf den Koran.


Ja, das ist es. Für viele Muslime, vor allem konservative Muslime, und für alle Radikalen ist das aber Blasphemie. Sie sagen, man kann kein Textstück auslassen. Wenn da steht, ergreift die Ungläubigen, wo immer ihr sie findet, und tötet sie, dann gilt der Vers auch heute noch.


Warum behaupten dennoch viele, dass der Islam eigentlich eine friedliebende Religion sei?


Weil es natürlich auch andere Verse gibt, und die bereiten diesen Leuten große Probleme. Es gibt zum Beispiel einen Vers, der dem gewaltlegitimierenden gegenüber gestellt wird, um die Friedfertigkeit des Islam zu begründen: „Wer einen Menschen tötet, dem ist, als hätte er die ganze Menschheit getötet.“ Beide Verse stehen aber im Koran.


Ein großer interner Konflikt. Wie wird damit umgegangen?


Salafisten würden sagen, das Neuere überschreibt immer das Ältere. Der Koran, so die Überlieferung, ist im Laufe des Erwachsenenlebens von Mohammed entstanden. Also über viele Jahre hinweg. Dadurch gibt es klar erkennbare ältere Verse und es gibt neuere. Für Salafisten gilt: Wenn Verse später überliefert worden sind, gelten diese mehr.
Damit hat man natürlich Handwerkszeug, um vor allem Gewalt zu rechtfertigen, denn Mohammed hat im Prinzip in zwei sehr unterschiedlichen Phasen gelebt: In der ersten Phase in Mekka sollen ihm die ersten Koranverse während des Meditierens in einer Höhle überliefert worden sein. Die mekkanische Bevölkerung fand die neue Religion absolut nicht toll. Mekka war ja ein vorislamisches Heiligtum, ein Wallfahrtsort der altarabischen Gottheiten, von dem die Mekkaner gelebt haben. Nun kam Mohammed und sagte: „Vergesst eure Göttinnen, ich habe hier einen anderen Gott.“ Er ist natürlich überhaupt nicht anerkannt worden und stand stark unter Druck. Eigentlich haben nur die Existenz seines Onkels und seiner Ehefrau, zwei hochgeachtete Persönlichkeiten in Mekka, verhindert, dass er vertrieben worden ist. Sie starben jedoch beide innerhalb von einem Jahr und Mohammed musste mit seinen wenigen Anhängern fliehen.


Das ist der erste Teil des Korans. Wie entstand der zweite?


Mohammed und seine Anhänger sind nach Medina gezogen. Mohammed war ein begnadeter Politiker. Das ist ihm dort zugute gekommen, denn er hat es als Neuzugänger geschafft, innerhalb kürzester Zeit als politischer Führer, als Religionsstifter und als Kriegsherr anerkannt zu werden. Aus dieser medinensischen Zeit stammen viele der kriegsverherrlichenden Verse, die den Muslimen heute große Probleme bereiten wie zum Beispiel die Ablehnung Andersgläubiger oder die Rechtfertigung von Sklaverei.
Auch die Abwertung der Frauen resultiert aus dieser Zeit. In Mekka hatte Mohammed nur eine einzige Frau. Sie war seine frühere Arbeitgeberin und viel älter als er. Erst als Kriegsherr und politischer Führer in Medina hat er polygam geheiratet, darunter auch sehr junge Frauen. Wenn man sich das Alles zum Vorbild nimmt, dann kommt man im wahrsten Sinne des Wortes in Teufels Küche.


Ein schwerer Konflikt. Glauben alle, dass nur der zweite Teil der heute gültige ist?


Progressive Muslime unterscheiden zwischen der mekkanischen Phase und der medinensischen Phase. Letztere ist heute nicht mehr mit den Menschenrechten und den Frauenrechten vereinbar. Aber konservative und natürlich auch alle radikalen Ströme begründen genau damit Dinge wie Kinderheirat, Polygamie und eben auch Gewalt.


Das ist auch der Spielraum, in dem sich zum Beispiel der IS bewegt.


Ganz genau. Dieser Konflikt liefert einen großen Spielraum. Deshalb ist es auch schlichtweg falsch, wenn Verbandsvertreter behaupten, diese Art des Gewalttätigen oder des religiös begründeten Terrorismus hat gar nichts mit dem Islam zu tun.


Das ist eine Abwehrreaktion, die negiert, dass Gruppen wie der IS religiös argumentieren, dass sie – und zwar immer wieder lückenlos – auf Texte, auf Überlieferungen oder auch auf den Koran verweisen. Der IS hat ein in mehreren Sprachen verfügbares Hochglanzbroschürchen herausgebracht, indem alles mit Verweisen auf den Koran oder die Überlieferungen begründet wird. Denen jetzt abzusprechen, dass sie nichts mit dem Islam zu tun haben, wäre in etwa so wie zu behaupten, die Kreuzzüge haben nichts mit dem Christentum zu tun.


Wie kann man mit diesem Konflikt umgehen?


In einer aufklärerischen Weise und historisch eingeordnet. Dann ist vielleicht sogar die Frage der Urheberschaft ein Thema. In der Islamwissenschaft gilt der Koran als spätantiker Text, dessen Urheberschaft menschlich und nicht göttlich ist.
Andere, die nicht so weit gehen wollen, sagen, der Koran sei ein dialogisches Projekt und letztendlich gehe der Dialog zwischen Gott und jedem einzelnen Gläubigen auch heute noch weiter. Man habe das nur nicht mehr weiter verschriftlicht.
Die Theologie ringt noch damit, wie sie das Dogma, dass der Koran das Wort Gottes ist, damit in Einklang bringen soll.


Mit diesen verschiedenen Strömen tun sich nicht nur Muslime schwer. Die Öffentlichkeit und die Politik hat mit „Islamist“, „Salafist“ und „Dschihadist“ bereits drei verschiedene Bezeichnungen für muslimische Gläubige. Wie kann man die verschiedenen Gruppierungen sprachlich auseinander halten?



Es gibt noch einige weitere Begriffe, die alle nicht völlig klar voneinander abgegrenzt sind. Besonders die Begriffe Islamismus und Salafismus.
„Salafismus“ geht zurück auf die al-salaf, die altehrwürdigen Vorfahren. Gemeint sind damit Mohammed, seine Gefährten und die ersten drei Generationen von Muslimen. Nach Meinung der Salafisten waren sie besonders reine Menschen, besonders unverfälscht und unkorrumpiert – Personen, die man sich zum Vorbild nehmen und denen man in jeder Hinsicht nacheifern sollte. Diese Art der Rückwärtsgewandheit in eine längst vergangene Zeit, nämlich genau ins 7. Jahrhundert nach Arabien, bezeichnet man als Salafismus.
Salafisten beziehen sich im Wesentlichen auf zwei Quellen: den literalistisch ausgelegten Koran und auf Überlieferungen zu Mohammed und seinen Gefährten, den sogenannten Hadith. Normen und Werte versucht man aus einer konstruierten Vergangenheit abzuleiten. Das heißt aber nicht, dass die Moderne vollkommen abgelehnt wird. Salafisten nutzen die technische Moderne durchaus, lediglich die intellektuelle Moderne verurteilen sie.


Eigentlich eine einfache Definition.


Das Problem mit dem Begriff „Salafismus“ ist, dass auch viele andere Muslime, die sich nicht als Salafisten bezeichnen würden, die wortwörtliche Auslegung des Korans und das Vorbild der ersten Generationen der Muslime als eigentliche Grundlage des Islam sehen.
Verwirrend ist auch, dass sich Salafisten in Deutschland zumeist gar nicht als Salafisten bezeichnen. Sie sagen, sie seien die wahren Muslime und der Begriff des Salafismus sei einer, den der Staat erfunden hat, um Muslime zu spalten.


Und die Islamisten?


Als Islamist bezeichnet man Muslime, die den Islam in jeder Hinsicht, sowohl politisch als auch rechtlich und sozial, als ultimative Leitlinie für gegenwärtiges Handeln sehen. Sie fordern die Einführung des islamischen Rechts und die Einführung bestimmter islamischer Prinzipien in der Politik. Ihrer Meinung nach ist nur ein islamisches Kalifat rechtmäßig.
Viele Muslime haben diesen Begriff kritisiert, weil sie den Unterschied zwischen einem Islam, der nicht islamistisch ist, und einem Islam, der islamistisch ist, nicht verstehen und sich grundsätzlich durch den Begriff abgewertet fühlen. Deshalb hat man den Begriff des Salafismus eingeführt. Aber auch der ist mit Fehlern behaftet und genauso umstritten wie der Islamismus.


Es gibt noch einige andere Begriffe wie den islamischen Fundamentalismus. Der verweist darauf, dass der Islam zu den Fundamenten, also dem Koran und den Überlieferungen zurückgehen möchte. Aber auch da gab es Kritik, weil sich der Begriff des Fundamentalismus ursprünglich auf christliche Gruppen bezog.


Und der Dschihadismus?


Der Dschihadismus ist der Begriff, der Gewaltbereitschaft im radikalen Islam bezeichnet. Er wird abgeleitet von Dschihad, dem religiös begründeten oder auch heiligen Krieg. Dschihadismus bedeutet die religiöse Rechtfertigung von Gewalt, entweder um Muslime zu schützen, Beleidigungen zu rächen oder um den Islam weiter zu verbreiten. Man könnte wohl sagen, nicht jeder Salafist ist Dschihadist. Aber jeder Dschihadist ist im klassischen Sinne auch ein Salafist, auch wenn er nicht gleich in den Krieg nach Syrien ziehen würde.


In Bezug auf Jugendliche, die sich radikalisieren, wie kann man da vorbeugen und für eine moderate Sicht auf den Islam sorgen?


Viele Präventionsmaßnahmen sind auf kommunaler Ebene organisiert. Manche wie der „Wegweiser“ in NRW oder VPN in Hessen laufen auch auf Landesebene. Meiner Meinung nach weiß aber derzeit noch keiner so genau, was wirklich effektiv ist. Man müsste überall nach einer Erprobungsphase eine Evaluierung machen und dann ein Best-Practice-Modell in Serie gehen lassen.


Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass Prävention eine Aufgabe der Schulen sein sollte. Sie sind Orte, wo wirklich alle Kinder und Jugendlichen anzutreffen sind und Prävention in eine grundständige Demokratie- und Toleranzerziehung eingebettet werden sollte.


Demokratie- und Toleranzerziehung als Radikalisierungsprävention?


Es geht nicht nur um salafistische Gruppen sondern um extremistische Gruppierungen allgemein, also auch rechts- und linksextreme oder Sekten. Da sind gut ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer gefragt, womit wir auch beim Problem wären.
Ich gebe Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer, weil es einen großen Bedarf gibt, weil, das interkulturelle und das interreligiöse Wissen von Lehrerinnen und Lehrern oft nicht so ist wie es in einer so multikulturellen Gesellschaft wie der unseren sein sollte. Da müssten mehr Ressourcen und Unterstützung geboten werden.


Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass man das Thema grundständig in die Curricula einbaut. Entweder in Form eines neuen Faches oder in regelmäßigen Begleitveranstaltungen, in denen Werte vermittelt werden. Nicht nur als Projekttag und vor allem nicht nach den üblichen Verfahren, bei dem Wissen auswendig gelernt und anschließend in Tests abgefragt wird, sondern mit innovativen pädagogischen Maßnahmen, damit es ankommt, verstanden und reflektiert wird. Kinder und Jugendliche sollen Demokratie schätzen lernen und fit darin werden, nicht jedem vereinfachten Angebot einer Lebensführung gleich auf den Leim zu gehen. So können sie quasi immun werden gegen extremistische Erzählungen, sich davon differenzieren und sich eine eigene Meinung bilden. Auch können sie lernen, dass man in der Gesellschaft wirklich etwas bewegen kann und dafür keinen Randgruppen beitreten muss.


Schulen sollten eben auch ein Ort des demokratischen Lernens sein können und nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung. Das ist im Prinzip das großes Projekt: Wir müssen unsere Jugendlichen besser auf unsere Gesellschaft vorberieten und sie davor schützen, irgend einer Art von krudem Extremismus zum Opfer zu fallen.


Vielen Dank für das spannende Interview, Professorin Schröter.

Das Interview führte Sonja Klein. Fachliche Beratung durch Malin Findeklee.
  (© AcademiaNet)

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