Personalia

Naika Foroutan erhält Höffmann-Wissenschaftspreis

22. 2. 2017 | Zum ersten Mal erhielt eine Wissenschaftlerin den Höffmann-Wissenschaftspreis: AcademiaNetlerin Prof. Naika Foroutan, Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik an der Humboldt Universität zu Berlin.
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(© KFoto/Kokenge)


Preisträgerin Prof.in Dr. Naika Foroutan (r.) mit (v.l.): Prof. Dr. Egon Spiegel, Prof. Dr. Andreas Zick, Hans Höffmann, Prof. Dr. Burghart Schmidt und Uwe Bartels.

Über 120 Gäste waren zur Verleihung des sechsten Höffmann-Wissenschaftspreises für Interkulturelle Kompetenz in der Aula der Universität Vechta gekommen. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis wird jährlich vom Reiseunternehmer Hans Höffmann gestiftet. Zum ersten Mal erhielt ihn nun eine Wissenschaftlerin: Die Academianetlerin Naika Foroutan, Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik an der Humboldt Universität zu Berlin.

Der Vorsitzende der Auswahl-Jury, Prof. Dr. Egon Spiegel, erklärte, aus allen Bewerbungen habe sich Prof. Foroutan als „herausragend aus den intellektuellen Schwergewichten“ erwiesen, die Auswahl der Jury sei daher „zügig und einstimmig gefallen“.

Uwe Bartels, Vorsitzender der Universitätsgesellschaft Vechta, die den Preis gemeinsam mit der Universität ausschreibt, zeigte sich ebenfalls beeindruckt vom Schaffen der Preisträgerin. Bei sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen, wie Deutschland sie seit Jahren und seit den Flüchtlingsströmen besonders heftig erlebe, sei es umso wichtiger, für eine in großen Teilen verunsicherte Gesellschaft Wissen bereitzustellen. Hier sehe Foroutan sich und die Sozialwissenschaften in der Verantwortung, „Fragen zu klären und Sichtweisen zu öffnen“.

Die Laudatio auf die Preisträgerin hielt Prof. Dr. Andreas Zick, Professor für Sozialisation und Konfliktforschung an der Universität Bielefeld. Nicht erst in diesen Tagen sei Interkulturalität angegriffen, so Zick. In ihren Forschungen habe Foroutan „viel zu früh Themen angesprochen, die uns heute beschäftigen“. Sie selbst sei ein „lebendes Narrativ von Diversität“, die mit ihrer Arbeit und als „public scientist […] Menschen solidarisch anrufe“. „Preis und Preisträgerin passen einfach zusammen“, so das Fazit des Laudators.

Nach der offiziellen Preisvergabe sprach Prof. Naika Foroutan zum Thema „Gesellschaftliche Transformation durch Migration“. Dabei stellte sie zunächst die Ausgangslage in Europa vor. 2014 waren von etwa 507 Millionen Menschen 34 Millionen AusländerInnen, davon 20 Millionen aus Nicht-EU-Staaten. In Deutschland lebten 2015 81,4 Millionen Menschen, davon 21 Prozent mit Migrationshintergrund. Bei einem Zuzug von 1,1 Millionen Menschen in diesem Jahr („Wanderungssaldo“) sei Deutschland damit eine Gesellschaft, die von einer demographischen Transformation durch Migration geprägt ist, so Foroutan. Die Bevölkerung würde aber den Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund überschätzen – und das schon lange. 2009, zitierte Foroutan eine Studie, glaubten 69 Prozent der Befragten, dass der Anteil der Muslime in Deutschland deutlich über den tatsächlich damals hier lebenden 4 Millionen lag, und verwies dabei auf die Wirkung der Medien.

Im zweiten Teil ihres Vortrags sprach Naika Foroutan über Willkommens- und Abwehrkulturen. Sie kontrastierte dabei die Zahlen der ehrenamtlich Tätigen in der Flüchtlingshilfe mit Zahlen von Gewalt gegen Geflüchtete und stellte eine OECD-Studie aus dem Jahr 2015 vor, in der ein Großteil der Befragten den kulturellen und wirtschaftlichen Einfluss von Geflüchteten als positiv bewertet. Gleichzeitig zeigt der Deutschlandtrend vom Oktober letzten Jahres Sorgen ob eines zunehmenden Islams in Deutschland. Diese Ängste bewertete Foroutan als falsch verortet: „Wir können Angst haben vor Terrorismus, das wäre eine reale Angst. Wir müssen mit dem Wort Angst anders umgehen.“

Die Trennung in „Wir“ und die „Anderen“ sei der Punkt, so die Forscherin im Ausblick ihrer Ausführungen, an dem die Gesellschaft arbeiten müsse. Sie gab den ZuhörerInnen dafür das Akronym ACTIV an die Hand: Eine postmigrantische Integration funktioniere nur durch die Ermöglichung von Anerkennung, Chancengleichheit und Teilhabe in Vielfaltsgesellschaften. Die Frage sei, so Foroutan: „Wir müssen als gesamte Gesellschaft denken, müssen lernen zu fragen: Wo wollen wir, alle gemeinsam, in zehn Jahren stehen?“

Über die Preisträgerin

Prof. Naika Foroutan ist Professorin für „Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik“ an der Humboldt Universität zu Berlin. Sie fungiert dort als stellvertretende Direktorin des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) und leitet dessen Arbeitsbereich „Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik“ sowie die Forschungsgruppe Junge Islambezogene Themen in Deutschland (JUNITED). Schwerpunkte ihrer Arbeit sind die Themen Migration und Integration, Islam- und Muslimbilder in Deutschland, Identität und Hybridität sowie der politische Islam und die gesellschaftliche Transformation von Einwanderungsländern. Mediale Aufmerksamkeit erhielt sie 2010 durch ihre Positionierung zu Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“, wofür sie 2011 mit dem Berliner Integrationspreis geehrt wurde. 2012 erhielt sie den Wissenschaftspreis der Fritz Behrens Stiftung, der alle zwei Jahre für exzellente Forschung vergeben wird. Aktuell forscht Foroutan u.a. zu „Diskriminierungserfahrungen in Deutschland“ und dem Konzept der postmigrantischen Gesellschaft als Gesellschaftsanalyse. Bereits seit dem Jahr 2010 ist sie Mitglied von AcademiaNet.   Universität Vechta, AcademiaNet)

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