Paläoanthropologie

Das Flüstern der Knochen

Die Jagd einer AcademiaNetlerin nach der Evolution der Sprache

1. 2. 2017 | Drei Tübinger Wissenschaftler, unter ihnen die AcademaNetlerin Katerina Harvati, haben Übereinstimmungen bei der Entwicklung von Sprache und Schädelknochen entdeckt.
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(© Universität Tübingen)


Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Tübingen fanden Belege dafür, dass die Ausprägung bestimmter Schädelknochen darauf schließen lässt, welcher Sprachgemeinschaft der Tote angehörte. Dazu wurden Schädel aus Afrika, Asien und Ozeanien anhand von verschiedenen Messpunkten (gelb markiert) verglichen.

AcademiaNetlerin Prof. Katerina Harvati ist es gemeinsam mit ihren Kollegen gelungen, von der Form menschlicher Schädelknochen Rückschlüsse auf die Zugehörigkeiten zu Sprachgemeinschaften zu ziehen. Gesichtsknochen und Sprache entwickeln sich anscheinend parallel. Bestätigt sich dieses überraschende Ergebnis, hätte die Forschung endlich ein Merkmal zur Hand, mit dem sich die Entwicklung verschiedener Sprachfamilien bis in die Frühzeit des Menschen zurückverfolgen ließe.

"Unsere Studie zeigt, dass Sprachverwandtschaften vermutlich weit länger zurückverfolgt werden können, als bis zur vormals allgemein anerkannten Grenze von 10.000 Jahren", so Prof. Harvati zu AcademiaNet. "Dieses Ergebnis wurde durch die interdisziplinäre Forschung des neuen Tübinger Zentrums "Word, Bones, Genes, Tools" ermöglicht, das, finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, linguistische, kulturelle und biologische Spuren der menschlichen Vergangenheit untersucht. Wir hoffen, in unserer künftigen Arbeit an diesem Zentrum noch mehr über die Evolution der Sprache herauszufinden."

Gemeinsam mit ihrem Fachkollegen Dr. Hugo Reyes-Centeno und dem Sprachwissenschaftler Professor Gerhard Jäger untersuchte die weltweit führende Spezialistin auf dem Gebiet der Evolution des Menschen 265 Schädelfunde aus Afrika, Asien und Ozeanien sowie den Wortschatz von über 800 Sprachen und Dialekten aus diesen Regionen. Die Forscher entwickelten eine Methode, den Grad der Ähnlichkeit zwischen zwei Sprachen automatisiert zu messen, indem sie den Grundwortschatz heute gesprochener Sprachen verglichen. Weiter fanden sie Wege, die Ähnlichkeiten von wenige hundert Jahre alten menschlichen Schädeln bei Messungen zu quantifizieren. „Wir können davon ausgehen, dass sich Sprache in dieser vergleichsweise kurzen Zeit nicht wesentlich verändert“, betont Jäger. Mit zunehmender geografischer Entfernung aber verringerten sich die durchschnittlichen Ähnlichkeiten von Schädeln und Sprachen, sie wurden immer unterschiedlicher. Bemerkenswert ist, dass die Schädel tendenziell wieder mehr Gemeinsamkeiten aufwiesen, je ähnlicher sich die Sprachen der Populationen waren und andersherum. Diese Korrelation zwischen biologischen und sprachlichen Eigenschaften ist selbst bei Populationen festzustellen, die sich vor mehr als 10.000 Jahren aufgeteilt und in sehr unterschiedlicher Art und Weise weiterentwickelt haben. Sprache bewahrt also ein weit älteres Zeugnis als bisher gedacht. Ihre Verwandtschaft zeigt sich in den Eigenschaften der Gesichtsknochen.

Bisher war davon ausgegangen worden, dass zwischen verschiedenen Sprachen nur dann eine Verwandtschaft erkennbar war, wenn ihre letzte gemeinsame Form vor höchstens 10.000 Jahren gesprochen wurde. Die jetzigen Erkenntnisse der Tübinger Wissenschaftler könnten diese Grenze mit einem kräftigen Stoß weiter in die Vergangenheit gestoßen haben. Paläoanthropologische Funde könnten einen völlig neuen Nutzen für die historische Sprachwissenschaft bieten. Harvati, Jäger und Reyes-Centeno veröffentlichten ihre Ergebnisse in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Scientific Reports. „Wir hoffen, dass wir die Prozesse, durch die Sprache evolviert, in Folgearbeiten weiter aufklären können“, erklären die Wissenschaftler abschließend.   Universität Tübingen/AcademiaNet)

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