Psychologie

"Wir alle mögen Farben, die wir benennen können"

Interview mit Anna Franklin, Prof. für Psychologie an der Universität Sussex

3. 4. 2017 | Unsere Farbwahrnehmung wird stark von den Worten bestimmt, mit denen wir Farben beschreiben können. Ein besseres Verständnis dieser Zusammenhänge kann beispielsweise farbblinden Kindern das Lernen erleichtern. Die Psychologin Anna Franklin untersucht, wie Farberkennung und -wahrnehmung sich entwickeln.
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(© fotolia / eyetronic)


Farbenfrohe Blumen.

Horizon Magazine: Prof. Franklin, wie viele Farben gibt es eigentlich?

Dr. Anna Franklin
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Dr. Anna Franklin
Prof. Anna Franklin: Die verschiedenen Farben bilden bekanntlich ein Farbspektrum, und laut Experten sind wir in der Lage, Millionen verschiedener Farben aus diesem Spektrum zu unterscheiden. Wenn Sie Probanden zwei sehr ähnliche Grüntöne zeigen, können diese die Farbtöne trotz ihrer Ähnlichkeit problemlos unterscheiden. Doch wir geben diesen Farbtöne keine eigenen Namen, sondern fassen sie meist zu Gruppen zusammen und nennen diese Gruppen dann grün, blau, rot, und so weiter.

Gibt es denn eine feststehende Anzahl dieser Farbgruppen?

Verschiedene Sprachen gruppieren Farben unterschiedlich. Manche Sprachen haben beispielsweise nur vier Begriffe, um Farben zu beschreiben, andere haben bis zu zwölf. Eine der großen Forschungsfragen in diesem Feld lautet: Erfolgt die Einteilung von Farben in den verschiedenen Sprachen völlig willkürlich? Oder gibt es ein dahinter liegendes logisches System?

Sie untersuchen den Zusammenhang zwischen Sprache und Farbe in dem CATEGORIES-Projekt, das vom Europäischen Forschungsrat ERC gefördert wird. Ist die Einteilung von Farben in Gruppen eine angeborene Fähigkeit, oder entwickelt sie sich erst im Laufe des Spracherwerbs?

In einem Teil dieses Projekts gehen wir der Frage nach, in welchem Alter Babys oder Kleinkinder beginnen, Farben in Gruppen einzuteilen. Wir konnten bereits zeigen, dass Babys im Alter von etwa vier Monaten bereits erkennen, dass zwei verschiedene Grüns in dieselbe Kategorie gehören.

Wie schaffen Sie es, so junge Kinder zu befragen?

Wir zeigen ihnen verschiedene Farben und beobachten ihre Reaktion darauf. Zunächst werden die kleinen Probanden zum Beispiel an ein bestimmtes Grün gewöhnt. Wenn wir ihnen nun eine neue Farbe zeigen, beispielsweise ein Blau, reagieren sie überrascht. Zeigen wir ihnen jedoch einen anderen Grünton, reagieren sie kaum überrascht, weil es sich ja im Grunde um die gleiche Farbe handelt.

Bei diesem Versuch können beide neuen Farben auf dem Spektrum ungefähr gleich weit von dem ursprünglichen Grün entfernt sein – aber das Baby erkennt trotzdem, ob zwei Farben zur selben Kategorie gehören oder nicht. Also das Baby oder Kleinkind sieht nicht die Größe des Unterschieds, sondern erkennt, dass es sich um verschiedene Kategorien handelt. Uns interessiert vor allem: Wie viele Farbkategorien hat der Mensch von Anfang an im Kopf? Und ähneln diese Kategorien im Babykopf denjenigen in der Sprache, die das Baby jeden Tag hört?

Welche Ergebnisse erwarten Sie hier?

Wir arbeiten mit der Hypothese, dass Babys quasi natürliche Trennlinien zwischen Farben kennen und erkennen. Diese universelle Schablone wird später je nach Kultur und Sprache in bestimmte Richtungen verfeinert.

Auf welche Weise könnte Sprache die Farbwahrnehmung darüberhinaus noch beeinflussen?

Wir untersuchen auch den Zusammenhang zwischen Farbwahrnehmung und der Bezeichnung von Farben. Im Russischen gibt es beispielsweise zwei Blau-Kategorien, eine Gruppe für helle Blautöne und eine für dunkle. Als Konsequenz ist die Wahrnehmung russischer Muttersprachler in diesem Teil des Farbspektrums wesentlich empfindlicher. Wir können dies anhand der elektrischen Hirnaktivität messen, wenn verschiedene Probanden gebeten werden zwei Blautöne zu unterscheiden.

Hier stellen wir Unterschiede zwischen Probanden, deren Muttersprache Russisch ist, und anderen Probanden fest. Das Interessante ist jedoch: Die Unterschiede zeigen sich relativ spät, erst einige hundert Millisekunden nach dem Anschauen der Farbtöne. Das könnte heißen, dass Menschen mit verschiedenen 'Farb-Lexika' die Farben zwar gleich sehen, aber unterschiedlich darüber denken. Es handelt sich als um kongitive Unterschiede, aber um keine visuellen. Die Sprache beeinflusst also nicht das Farbensehen, aber sie verändert, wie wir diese Informationen verarbeiten.

Welche Hirnregionen sind beim Benennen von Farben aktiv?

Wir haben herausgefunden, dass eine Region im songenannten 'Gyrus frontalis medius' für Farbkategorien zuständig ist, das ist eine Großhirnwindung des Frontallappens. Wenn man zum Beispiel passiv Farben beobachtet und diese wechseln von grün nach blau, dann sieht man diesen Wechsel in diesem Hirnareal.

Wie ist das bei Menschen mit Farbblindheit?

Manche Menschen sehen Farben anders, weil ihnen eine bestimmte Sorte von Sehzellen auf der Netzhaut fehlen, die sogenannten Zapfenzellen. Für das normale Farbensehen braucht man drei Sorten dieser Zellen: für kurze, mittlere und lange Wellenlängen. Wenn nun eine dieser Sorten fehlt, ändert dies das Farbensehen, aber auch die Vorliebe für bestimmte Farben.

Es gibt hier ein allgemeines Muster: Wir alle mögen Farben, die wir problemlos benennen können. Deshalb beeinflussen die Farbkategorien in unserem Kopf auch unsere Farbpräferenz. Wenn es uns umgekehrt jedoch schwerfällt, eine Farbe zu erkennen und zu benennen, dann neigen wir dazu, diese Farbe nicht zu mögen. Bei Menschen mit Farbblindheit ist dies ein häufig zu beobachtendes Phänomen.

Im Jahr 2015 verbreitete sich das Foto eines Kleides wie ein Lauffeuer, weil sich die Betrachter nicht einigen konnten, welche Farbe es hatte. Warum die ganze Aufregung?

Bei diesem Beispiel geht es um das psychologische Konzept der Farbkonstanz. Wir alle möchten, dass Gegenstände möglichst immer die gleiche Farbe haben, das vereinfacht unsere Wahrnehmung enorm. Wir schaffen es in der Regel sogar, Farben konstant zu sehen, wenn sich das Licht ändert: unter blauem Licht sehen wir die Banane immer noch gelb, weil unser Gehirn das blaue Licht wegfiltert. Genau in diesem Punkt der Farbkonstanz hat das Foto des Kleides die Betrachter verunsichert.

Farbkonstanz ist zwar nicht direkt mein Forschungsthema, wir haben jedoch einmal in einem Projekt untersucht, wie wichtig Farbkonstanz für das Farbenlernen von Kindern ist. Und siehe da: Wenn die Beleuchtung und damit die Farbe konstant gehalten werden, lernen Kinder das Wort für eine Farbe viel schneller.

Wie und wo könnten Ihre Erkenntnise Anwendung finden?

Wir beginnen gerade ein Projekt, in dem wir einen Test auf Farbblindheit für Kleinkinder entwickeln. Heutige Tests sind für Kinder über vier Jahren ausgelegt, jedoch hat bis zu diesem Alter schon eine Menge Entwicklung stattgefunden, und diese Entwicklung ist wiederum eng mit dem Thema Farbe verknüpft. Überlegen Sie mal, wie wichtig Farbe in der frühkindlichen Erziehung ist, in vielen Bilderbücher und Materialien für das Krippenalter spielen Farben eine zentrale Rolle.

Mit diesen Materialien kann natürlich ein farbenblindes Kleinkind nichts anfangen, es wird also auch Aufgaben wie Kategorien finden und Gegenstände einsortieren nicht schaffen. Ein paar Studien deuten darauf hin, dass farbenblinde Kinder immer wieder und zu Unrecht als lernbehindert eingestuft werden, weil sie schlicht nicht sehen können, was ihnen gezeigt wird. Wir hoffen, dass wir durch eine frühe Diagnose die Chancen dieser Kinder deutlich verbessern können.

Sehr geehrte Frau Prof. Franklin, herzlichen Dank für dieses sehr interessante Interview!

Mit freundlicher Genehmigung von Horizon, The EU Research and Innovation Magazine, by the EU Commission
  Horizon Magazine)

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